PRESSEARTIKEL

Mit frdl. Genehmigung der FR (Frankfurter Rundschau)
Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands Wind-Energie, über die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Reiche, einen drohenden Investitionsstopp und warum China am Ende profitieren könnte / Ein Interview von Joachim Wille
Die Windkraftbranche in Deutschland hat sich gerade erst von ihrem jahrelangen Einbruch erholt. Nun fürchtet Windkraft-Präsidentin Bärbel Heidebroek, dass die neuen Strommarkt-Regeln von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den Ausbau erneut ausbremsen könnten. Im FR-Interview erklärt sie die Bedenken der Branche und warnt vor Arbeitsplatzverlusten.
Frau Heidebroek, Sie warnen vor einer „Reiche-Delle“ beim Ausbau der Windenergie mit der Gefahr von Firmenpleiten. Ist das nichtübertrieben?
Nein. Sollten die Entwürfe von Bundeswirtschaftsministerin Reiche für die Stromgesetze unverändert beschlossen werden, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Einbruch kommen. Wir könnten eine ähnliche Entwicklung erleben wie nach 2016, als ein verändertes Ausschreibungsverfahren für Windkraft-Anlagen unter den Ministern Gabriel und Altmaier den Ausbau massiv heruntergefahren hat. Unsere Branche hat fast zehn Jahre gebraucht, um sich davon zu erholen.
Reiche weist Ihre Kritik zurück. Sie betont, bundesweit gebe es weiterhin zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. Die EEG-Novelle erlaube sogar bis zu zwölf Gigawatt mehr Ausbau als bislang geplant.
Theoretisch wäre ein um zwölf Gigawatt höheres Ausschreibungsvolumen möglich, und wir würden das auch sehr gerne realisieren. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Anlagen tatsächlich gebaut werden. Entscheidend sind die Investitionsbedingungen. Und da greifen die geplanten Gesetze an mehreren Stellen problematisch in bestehendes Recht ein – zum Teil sogar bei Projekten, die längst geplant und finanziert sind. Unter den vorgesehenen Bedingungen könnte der Ausbau in weiten Teilen Deutschlands tatsächlich zum Erliegen kommen.
Was sind die Knackpunkte?
Besonders problematisch ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt. Das bedeutet: Regionen sollen bei den Stromnetzen als „kapazitätslimitiert“ ausgewiesen werden, wenn dort innerhalb eines Jahres mindestens fünf Prozent der erwarteten Stromproduktion wegen Netzengpässen abgeregelt werden. Für neue Anlagen würden dann Ertragsausfälle von bis zu 20 Prozent nicht mehr vollständig entschädigt werden. Für die Banken, die die Anlagen finanzieren, heißt das, dass sie vorsorglich mit erheblichen Einnahmeausfällen rechnen müssen. Viele Projekte wären dann nicht mehr darstellbar. Wir verstehen durchaus, dass in Gebieten mit extremen Netzengpässen zeitweise kein weiterer Zubau möglich ist. Aber die Fünf-Prozent-Grenze ist willkürlich und viel zu niedrig. Niemand hat transparent modelliert, welche Flächen betroffen wären. Hinzu kommt eine mögliche Überschneidung mit den gerade erst ausgewiesenen Windenergiegebieten. Werden diese Flächen praktisch unbrauchbar, gibt es kurzfristig keine Alternativen.
Was schlagen Sie vor?
Die Redispatch-Grenze müsste höher liegen, mindestens bei zehn, besser bei 15 Prozent. Dann wären nur Gebiete mit besonders starken und dauerhaften Netzengpässen betroffen. Hinzu kommt ein europarechtliches Problem: Eine Entschädigung für netzbedingte Abregelungen ist grundsätzlich vorgeschrieben. Davon darf nur in begründeten Ausnahmefällen abgewichen werden.Eine pauschale Fünf-Prozent-Grenze wird diesem Ausnahmecharakter nicht gerecht. Ein besonders windreiches Jahr oder ein niedriger Stromverbrauch infolge einer Konjunkturschwäche könnten schon dazu führen, dass eine Region als Engpassgebiet eingestuft wird. Das ist nicht verlässlich planbar. Insgesamt wäre es sinnvoller, stattdessen die Stromnetze stärker auszubauen, damit wir den Strom aus Erneuerbaren bestmöglich für Industrie und Verbraucher nutzbar machen können.
Droht der Windbranche ein ähnlicher Absturz wie der Solarindustrie vor rund 15 Jahren, durch den sogenannten Altmaier-Knick?
Wenn mehrere der geplanten Regelungen zusammenkommen, besteht diese Gefahr durchaus. Neben den kapazitätslimitierten Gebieten soll es ja eine bundesweite Begrenzung der Einspeiseleistung geben. Hinzu kommen Änderungen am sogenannten Referenzertragsmodell. Diese Faktoren können bei einem Projekt gleichzeitig wirksam werden und es unwirtschaftlich machen. Fallen große Teile der Windflächen aus, müssten erst neue gesucht werden. Das würde zu einem mehrjährigen Ausbaustopp führen.
Die Folge wäre?
Es hätte massive Folgen für die deutschen Energie- und Klimaziele, aber auch für Hersteller und Zulieferer. Ob sich die Branche von einem zweiten Einbruch erholen könnte, ist fraglich. Diesmal stehen chinesische Hersteller bereit, die mit staatlicher Unterstützung sehr günstige Anlagenanbieten können. Im schlimmsten Fall hätten wir mittel- und langfristig keine wettbewerbsfähigen europäischen Hersteller mehr. Das könnte zahlreicheArbeitsplätze gefährden. Allein die Windenergie beschäftigt in Deutschland über 170.000 Menschen, im gesamten Erneuerbaren-Sektor sind über 430.000 Personen tätig.
Sehen Sie Chancen auf Änderungen der Gesetzesentwürfe im parlamentarischen Verfahren?
Ja. Bereits die Energieministerkonferenz der Bundesländer hat den Redispatch-Vorbehalt einstimmig abgelehnt. Das war ein starkes Signal. DieLänder wissen, dass sie die ausgewiesenen Flächen benötigen, dass Kommunen von der Windkraft-Wertschöpfung profitieren und dass die Branche zur regionalen Wirtschaftskraft beiträgt. Das Gesetzespaket wurde offenbar mit heißer Nadel gestrickt. Dabei fiel etwa das Prinzip „Nutzen statt Abregeln“ heraus, welches besagt: Wird eine Anlage wegen eines Netzengpasses abgeregelt, sollte der Strom vor Ort gespeichert oder anderweitig genutzt werden dürfen. Eine entsprechende Regelung fehlt im aktuellen Entwurf. Das halte ich für einen massiven handwerklichen Fehler, der unter anderem sinkende Strompreise verhindern wird.
Auf wen setzen Sie – auf die SPD, aus der bereits Kritik anden Reiche-Regelungen kam, oder auf den neuen Windkraft-Freund, Bayerns Ministerpräsident Söder, der gemeinsam mit seinem baden-württembergischen Grünen-Kollegen Özdemir mehr Windkraft im Süden gefordert hat?
Wir setzen auf Bundestag und Länder. Besonders wichtig ist der Bestandsschutz. Die geplante bundesweite Leistungsbegrenzung darf nicht bereits für Anlagen gelten, die vom 1. Januar 2027 an in Betrieb gehen. Diese Projekte wurden oft vor vier, fünf oder sechs Jahren begonnen und haben bereits Ausschreibungen durchlaufen. Es würde also nachträglich in bestehende Geschäftsmodelle eingegriffen. Das wäre Gift für den Investitionsstandort Deutschland. Unternehmen und Banken müssen sich darauf verlassen können, dass der Gesetzgeber die Bedingungen für längst geplante Projekte nicht nachträglich verändert. Auch insgesamt kann Deutschland es sich nicht leisten, die Energiewende abzuwürgen. Der russische Angriff auf die Ukraine und der Iran-Krieg haben gezeigt, wie gefährlich fossile Abhängigkeiten sind. Erneuerbare Energien stehen auch für Unabhängigkeit und wirtschaftliche Stabilität.
Zuletzt hat sich die Lage vieler Windkraftunternehmen verbessert. Ist die Branche nicht robuster, als Ihre Warnungen vermuten lassen?
Die Unternehmen schreiben wieder schwarze Zahlen, die Auftragsbücher sind gefüllt. Gerade deshalb wäre es fatal, die Erholung nach Jahren mit Kostensteigerungen, Lieferproblemen und niedrigen Margen abzuwürgen. Die Erholung ist kein Beleg dafür, dass die Windenergiehersteller einen neuen Markteinbruch problemlos überstehen könnten. Industrieunternehmen brauchen kontinuierliche Auslastung, um Kapazitäten und qualifizierte Arbeitsplätze zu erhalten. Ein Stop-and-go verteuert die Anlagen, schwächt Lieferketten und zerstört Vertrauen. Gute Auftragsbücher heute helfen wenig, wenn in zwei oder dreiJahren keine Bestellungen mehr eingehen.Die Konkurrenz aus China wird immer stärker.
Hat die europäische Windindustrie da langfristig überhaupt eine Chance?
Wir brauchen vor allem faire Wettbewerbsbedingungen. Chinesische Unternehmen werden stark staatlich unterstützt und erhalten günstige Finanzierungen. Wenn es verlässliche Investitions- und Rahmenbedingungen gibt, können europäische Hersteller im Wettbewerb aber bestehen. Es geht aber auch um Sicherheit: Windenergieanlagen sind Teil der kritischen Infrastruktur. Hersteller können Betriebsdaten auslesen und Funktionen steuern. Käme ein großer Teil der Anlagen aus China, gäben wir Datenhoheit, Know-how und potenziell Eingriffsmöglichkeiten aus der Hand.
Trotzdem ist die Windkraft umstritten. Es gibt viele Bürgerinitiativen dagegen, und die AfD spricht von „Windrädern der Schande“, will sie abreißen. Hat Ihre Branche bei Akzeptanz und Beteiligung Fehlergemacht?
Anders als viele glauben, ist die Akzeptanz grundsätzlich weiterhin hoch. Umfragen zeigen eine klare Mehrheit für den Ausbau der erneuerbaren Energien, gerade auch der Windkraft. Trotzdem müssen wir als Branche die Menschen stärker mitnehmen. Finanzielle Beteiligung über Zahlungen an Kommunen, Bürgerstromtarife oder direkte Beteiligungen helfen. Vielerorts wird das ja auch schon so gemacht. Entscheidend sind aber auch Transparenz und frühe Kommunikation. Wo Kommunen sichtbar profitieren und Menschen ernstgenommen werden, ist die Zustimmung sehr hoch.
Bärbel Heidebroek ist seit 2023 Präsidentin des Bundesverbands Wind-Energie (BWE). Zuvor war sie bereits Mitglied im Bundesvorstand. Die Diplom-Agraringenieurin ist seit vielen Jahren in der Windenergiebranche tätig und Geschäftsführerin eines Projektentwicklungsunternehmens für erneuerbare Energien. Als Verbandspräsidentin vertritt Heidebroek die Interessen der Onshore-Windbranche gegenüber Politik undÖffentlichkeit. jw/Bild: BWE
